Kosmetiktrend No-Poo: Haare waschen mit Roggenmehl - ohne Zusatzstoffe und Verpackungsmüll

Verzicht ist nicht nur bei Lebensmitteln ein großes Thema. Auch bei Kosmetik wird er zunehmend geübt. Viele Menschen versuchen möglichst „cleane“ Kosmetik zu verwenden, sprich Zusatzstoffe wie Duft-, Farb- und Konservierungsstoffe zu vermeiden. Oder sie lassen die Hände ganz weg von „fertiger“ Kosmetik und machen ihre eigene mit einfachen Haushaltsprodukten. Dabei spielt auch der Zero-Waste-Gedanke eine Rolle: Denn wer seine Kosmetik selbst macht, also frisch anrührt und in wiederverwendbare Gefäße füllt, vermeidet Verpackungsmüll. Ein Kosmetik-Trend, der sich seit Längerem auf Nachhaltigkeits- und Beauty-Blogs bemerkbar macht und über den mittlerweile auch in großen Lifestyle-Magazinen und Tageszeitungen berichtet wurde, ist die Haarwäsche ohne Shampoo - No-Poo (No-Shampoo). Statt dem herkömmlichen Shampoo werden spezielle Haarseifen, Natron oder einfach nur Wasser verwendet. Besonders beliebt bei den No-Poo’lern ist die Haarwäsche mit Roggenmehl. Sie soll sich vor allem bei sehr sensibler Kopfhaut und Schuppen eignen und auch fettiges Haar gut reinigen. Den Vitaminen und Mineralstoffen des Roggens werden zudem pflegende Eigenschaften für Haar und Kopfhaut nachgesagt. Wir haben uns gefragt: Was ist dran, am Roggen-Shampoo-Trend? Hält das Roggenmehl beim Haarewaschen, was zahlreiche Erfahrungsberichte versprechen? Und wie gut ist es im Alltag umsetzbar? Wir haben es für Euch getestet!

Roggenmehl: Welches sich zum Haarewaschen eignet, ist vom Haartyp abhängig.

Haare waschen mit Roggenmehl – die Theorie

Ein ganz wichtiger Punkt vorab: Nicht alle Getreidearten eignen sich zur Haarwäsche! Grund ist der Glutengehalt. Zuviel Gluten macht eine Haarwäsche unmöglich. Denn in Verbindung mit Wasser ‘klumpen’ glutenhaltige Mehle und sind kaum auswaschbar. Weizen- und Dinkelmehl etwa scheiden für die Haarwäsche aus, denn sie enthalten mit durchschnittlich etwa 8650 mg Gluten pro 100 g etwa 2,5-mal  so viel Gluten wie Roggen mit nur 3450 mg/100 g. Hingegen enthält Roggen etwa 2- bis 3-mal so viele Pentosane wie Weizen und Dinkel. Pentosane sind „Schleimstoffe“. Sie zählen zu den löslichen Ballaststoffen. Pentosane verfügen über eine hohe Wasserbindungskapazität, was auch für die Teigbildung beim Backen mit Roggen eine wichtige Rolle spielt. Denn Pentosane bilden – anders als Gluten – kein Klebergerüst. Das ist auch der Grund, weshalb sich Roggenmehl im Gegensatz zu Weizen- oder Dinkelmehl besser aus den Haaren auswaschen lässt.

Pflegend auf Haar und Kopfhaut sollen auch die Mineralstoffe und Vitamine des Roggens wirken. Da Roggen den gleichen pH-Wert wie unsere Haut hat, ist er in der kosmetischen Anwendung besonders schonend, denn der hauteigenen Schutzfilm wird nicht zerstört. Pflege ist ja gut und schön, aber was ist dem Sauber-Werden? Was ‘wäscht’ im Roggen? Herkömmlichem Shampoo werden Tenside zugefügt. Tenside funktionieren als sogenannte waschaktive Substanzen - sie nehmen Schmutz und Fett auf. Roggenmehl enthält keine Tenside, trotzdem berichten die AnwenderInnen, dass es die Haare sauber mache – woran liegt das?

Vermutlich an der Stärke! Sie scheint in Verbindung mit Wasser ebenfalls die Fähigkeit zu haben, Fett und Schmutz zu absorbieren. Wer sich noch mehr für die Chemie hinter der Haarwäsche mit Roggenmehl interessiert, sollte unbedingt das Video der Chemikern und YouTuberin Mai Thi Nguyen-Kim anschauen. Hier wird Wissenschaft nicht nur verständlich, sondern auch unterhaltsam erklärt. Ihre Theorien sind einleuchtend. Nur eine Berichtigung müssen wir an dieser Stelle vornehmen: Roggen enthält sehr wohl Gluten!

Gute Pflege bei schonender Waschkraft - die Theorie hinter dem Roggen-Shampoo ist vielversprechend, Zeit für den Praxistest!

Haare waschen mit Roggen – das richtige Rezept

Um unseren Test starten zu können brauchen wir natürlich erst mal ein Rezept – wie viel Mehl und wie viel Wasser ergeben ein gutes Shampoo? Und spielt die Mehltype eine Rolle? In der Tat! Aber dazu später mehr. Auf Blogs, Informationsportalen und YouTube findet man enorm viele Beiträge zur Haarwäsche mit Roggenmehl. Hinzu kommen zahlreiche Erfahrungsberichte von UserInnen in den Kommentarspalten. Entsprechend groß ist die ‘Rezept-Vielfalt’ an Roggenmehl-Shampoos. Unterschieden wird meist nach Haartyp - kurz oder lang, glatt oder lockig, fettig oder trocken. Folgende Faktoren spielen beim ‘Ansetzen’ des Shampoos eine Rolle:

  • Mehltype
  • Mehlmenge
  • Wassermenge
  • Ziehzeit
  • ‘Zusätze’

In der Regel wird für feines und fettiges Haar Roggenmehl der Typen 997 oder 1150 und für lockiges und trockenes Haar Vollkornmehl empfohlen. Das liegt daran, dass Mehl einer niedrigeren Type weniger Schalenteile und mehr Stärke enthält. Die Stärke sorgt für die Waschkraft (fettiges Haar), die Schalenteile mit ihrem höheren Vitamin- und Mineralstoffanteil für mehr Pflege (trockenes Haar). Hinzu kommt vermutlich, dass die Schalenteile, die sich nicht immer zu 100 Prozent auswaschen lassen, in feinem Haar sichtbarer sind als in dickem, lockigem Haar. Die Mehlmenge kann von der Haarlänge oder -fülle abhängen, je nachdem wie viel Haar (nur Ansatz oder auch die Längen) gewaschen werden soll. Bei diesem Faktor weichen die Angaben stark ab – von zwei bis zu fünf Esslöffeln. Die Wassermenge richtet sich nach der Mehltype und -menge. Vollkornmehl nimmt in der Regel mehr Wasser auf. Die Konsistenz des Shampoos variiert je nach Rezept von ‘flüssiger Brei’ bis ‘zäher Teig’. Am besten man nutzt einen Messbecher und gießt portionsweise Wasser ins Mehl, rührt das Mehl-Wasser-Gemisch immer wieder gut durch bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist (und notiert sich das Ergebnis). Auch die Ziehzeit beeinflusst die Wirkung des Shampoos: Eine kurzer Ziehzeit bis zu drei Minuten führt zu hoher Waschkraft (fettiges Haar), eine lange Ziehzeit von fünf Minuten bis zu zwei Stunden intensiviert die Pflege (trockenes Haar). Darüber hinaus gibt es noch verschiedene ‘Zusatzstoffe’ die für eine spezielle Pflege mit dem Roggen-Shampoo kombiniert werden können. Statt Wasser kann beispielsweise schwarzer Tee verwendet werden. Je nach Ziehzeit soll das enthaltene Koffein für eine Vitalisierung (ca. 3 Min.) sorgen oder sogar entzündungshemmend (ab 5 Min.) wirken. Bei stark kalkhaltigem Wasser kann auch Zitronensaft zugefügt werden, ein natürlicher Kalklöser. 

Anne & Henriette von Mein Mehl


Haare waschen mit Roggenmehl – der Praxistest von Henriette

Henriette hat den Selbstversuch gewagt. Wie hat sich das Roggenshampoo auf ihre Locken ausgewirkt? Lest selbst!

Versuch 1

Mein erster Versuch war gewissermaßen gleich ein Härtetest: Morgens mit wenig Zeit vor einem wichtigen Termin. Mit Sicherheit nicht die optimalen Bedingungen, um ein neues Rezept auszuprobieren! Entsprechend scheiterte der erste Versuch - zumindest teilweise. Aber beginnen wir von vorne: Es ist sicher von Vorteil, bevor man mit dem Roggen-Shampoo-Selbstversuch loslegt, bereits auf ein Naturkosmetik-Shampoo oder zumindest ein silikon- und möglichst Zusatzstoffe-freies Shampoo umzusteigen. Für Versuch 1 wählte ich folgendes Rezept: 5 EL Roggenvollkornmehl auf 300 ml schwarzem Tee. Die Zutaten gab ich in einen Shaker, in der Hoffnung, dass sich Mehl und Wasser so leicht mischen lassen und schüttelte drauf los. Die Konsistenz, die dabei herauskam, war sehr (!) flüssig - so hatte ich mir das nicht vorgestellt! Vielleicht quillt das Mehl ja noch auf? Aber auch nach 10 Minuten Ziehenlassen änderte sich kaum etwas an der Konsistenz. Egal, ab unter die Dusche! Das Shampoo ‘goss’ ich portionsweise an verschiedene Partien der Kopfhaut und massierte es so gut und schnell es ging ein, bevor es nach unten wegfloss. Definitiv keine praktikable Konsistenz! Das Gefühl war aber überraschenderweise recht angenehm und hatte nichts von ‘Teig im Haar’. Aufgrund der flüssigen Konsistenz ging viel daneben, zusammen mit dem schwarzen Tee entstanden viele Flecken in der Badewanne und am Duschvorhang. Die Einwirkzeit von fünf Minuten nutze ich direkt dazu, die Dusche wieder sauber zu machen. Das Auswaschen dauerte wesentlich länger als bei konventionellem Shampoo, aber darauf hatte ich mich eingestellt. Da es bei Vollkornmehl länger dauert, die Schalenteile auszuwaschen, ließ ich mir viel Zeit – etwa fünf Minuten. Beim Auswringen fühlten sich die Haare gut an, gepflegt wie nach einer Haarkur. Ich war gespannt, ob sie auch am Ansatz fettfrei wären. Der Blick in den Spiegel sollte mehr verraten, sorgte aber für einen Schrecken: Der Ansatz war zwar fettfrei, sah aber aus, als hätte es darauf geschneit. Überall waren kleine Schalenteile - und das obwohl ich mir so viel Zeit fürs Ausspülen genommen hatte! Nachdem auch Auskämmen nichts brachte und die Zeit drängte, wusch ich die Haare kurzer Hand noch mal - mit dem gewohnten Shampoo.

Versuch 2

Trotz des ersten Misserfolgs wollte ich nicht so schnell aufgeben und gab dem Roggen-Shampoo noch eine zweite (und dritte) Chance. Dieses Mal versuchte ich es mit 4 EL Vollkornmehl und 100 ml Wasser. Das Ganze rührte ich in einem Keramikschälchen mit einem Esslöffel an. Mengenverhältnis und Anrühr-Technik führten direkt zu einem vielversprechenden Ergebnis: Die Konsistenz lag bei einem gelartigem Brei. Nach 10 Minuten Ziehzeit hieß es dann wieder: Ab unter die Dusche! Das Shampoo ließ sich dieses Mal wesentlich besser verteilen. Nach 5 Minuten Einwirkzeit ging es ans Auswaschen und ich ließ mir noch mehr Zeit als beim ersten Mal um eine Wiederholung des Schalenteile-auf-Kopfhaut-Malheurs zu vermeiden. Und tatsächlich: Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, die Haare waren sauber, fühlten sich gepflegt an und es waren kaum Schalenteile sichtbar! Nach dem Trocken waren die Haare sehr voluminös, griffig und glänzend. Auch am zweiten und dritten Tag nach der Wäsche waren die Haare wie gewohnt und fingen auch nicht schneller an zu fetten.

Versuch 3

Nach dem Erfolg des letzten Versuchs war ich aber noch nicht zu 100 Prozent zufrieden aufgrund der langen Zeit zum Ausspülen. Also gab ich dem Roggen-Shampoo eine dritte Chance und versuchte es mit der Mehltype 997. Durch den geringeren Schalenanteil als beim Vollkornmehl erhoffte ich mir eine kürzere Zeit zum Ausspülen. Auch hier nahm ich wieder 4 EL und 100 ml Wasser. Man merkte direkt, dass sich die Type 997 anders verhielt als das Vollkornmehl und das Shampoo viel zäher und klebriger wurde, also fügte ich noch etwas Wasser dazu. Das Shampoo war noch leichter zu verrühren als bei Versuch 2 und es bildeten sich kaum Klümpchen. Ziehzeit und Einwirkzeit behielt ich bei. Das Auftragen und Auswaschen ging gut, auch wenn die Masse fast etwas zu klebrig war. Am Ende blieben auch hier ein paar (wenige!) Schalenteile zurück, aber mit dem Ergebnis war ich insgesamt sehr zufrieden!

Haare waschen mit Roggen – mein Fazit

Es funktioniert! Es ist zwar zu Beginn etwas komisch, sich ‘Teig’ in die Haare einzumassieren und man braucht einige Versuche und entsprechend etwas Geduld, um die richtige Mischung für sich und seinen Haartyp zu finden - aber es klappt! Mit jeder Haarwäsche wird das Handling einfacher und kostet weniger Zeit. Zu Beginn des Experiments oder der Umstellung sollte man also mehr Zeit fürs Haarewaschen einplanen und nicht auf Anhieb das perfekte Ergebnis erwarten. Zudem brauchen Haare und Kopfhaut mehrere Wochen, um sich auf neue Pflegeprodukte einzustellen. Etwas Durchhaltevermögen ist schon gefragt. Ich werde das Experiment weiter fortsetzen und vielleicht auch noch mal dazu berichten. Bei weiteren Recherchen bin ich noch mal auf das Thema Vollkornmehl gestoßen: Die bekannte Zero-Waste-Bloggerin Shia aka Wasteland-Rebel, die ihre Haare über drei Jahre mit Roggenmehl gewaschen hat (jetzt wäscht sie ihre Haare nur noch mit Wasser), rät von Vollkornmehl eher ab, da es so schwer ist, es vollständig auszuwaschen. Hätte ich das mal früher gelesen! Vielleicht funktioniert Vollkornmehl bei manchen Haartypen tatsächlich gut, ich würde mich nach meinen Versuchen aber Shias Meinung anschließen. Übrigens beschränkt sich der Einsatz von Roggenmehl in der Körperpflege nicht auf die Haare: Es lässt sich wohl auch zur Gesichtsreinigung, als Duschgel und sogar als Bart-Shampoo einsetzen ... Hajo Schumacher hat in der Berliner Morgenpost kritisch kommentiert, wie eine (gängige) Shampooflasche den ganzen gegenwärtigen Kapitalismus erklärt. Vielleicht ist es an der Zeit, für eine No-Poo-Volution? 

Eure Henriette

Habt Ihr Erfahrung mit dem Shampoo und wenn ja welche? Schreibt uns eine Mail an meinung@mein-mehl.de

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