23.11.2022 GETREIDE & PSEUDOGETREIDE WISSEN & TIPPS

Mensch und Getreide – eine Spurensuche

Die Entwicklung des Menschen vom nomadisch lebenden Jäger und Sammler hin zum sesshaften Ackerbauern wird eng mit der Kultivierung lagerfähiger und haltbarer Pflanzen, wie dem Getreide, verknüpft. Bisherige Funde datierten den Schritt von einer „paleolithischen“ Ernährung – die von Fleisch und Früchten dominiert gewesen sein soll – hin zu einer Kohlehydrat betonten Ernährung auf das Ende der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren. Diese Ernährungsumstellung wird mit der Sesshaftwerdung des Menschen in Verbindung gebracht. Anders als es die bisherigen Theorien oder gar neumodische Ernährungskonzepte zur Steinzeit vermuten lassen, scheinen unsere Vorfahren jedoch deutlich flexibler in ihrer Ernährungsgestaltung gewesen zu sein als lange angenommen. Eine Spurensuche.

Wie die Ernährung der Menschen ausgesehen haben mag, darüber gibt es zahlreiche Theorien, die je nach Studienlage untermauert, ergänzt, weiterentwickelt oder verworfen werden. Schließlich lassen sich die Altvorderen weder befragen noch haben sie es für uns aufgeschrieben. Fest steht: Mit der Kultivierung von Pflanzen, vor allem von Getreide vor gut 10.000 Jahren, machten die Menschen einen neuen, entscheidenden Evolutionsschritt in ihrer Geschichte. Eine neue Ära brach an: die Jungsteinzeit, die zunächst sesshafte Bauern hervorbrachte und letzten Endes zu modernen, arbeitsteiligen Gesellschaften führte.

Getreideverzehr begann viel früher als lange angenommen: vor 100.000 Jahren

Noch lange bevor der Mensch Getreide kultivierte, stand es auf seinem Speiseplan. In einer mosambikanischen Steinzeithöhle haben Forscher 2009 unterschiedlichste Werkzeuge – darunter auch solche zum Vermahlen – sowie Reste von vermahlener Sorghumhirse entdeckt und ihr Alter auf etwa 100.000 Jahre datiert [1]. Auch die Funde eines 30.000 Jahre alten Mahlsteins [2] und eines 14.400 Jahre alten Brotes belegen, dass den Menschen lange vor der neolithischen Revolution Techniken zur Vermahlung sowie Technik des Backens bekannt waren. [4]

Der Mensch – das einzige Tier, das kocht

Am wichtigsten im Technikkanon scheint die Entdeckung des Garens zu sein – zunächst vor allem Kochen, später auch Backen. Die Fähigkeit Sachen zu kochen wird als wichtiger Motor der Menschwerdung angesehen. Studienergebnisse zur Stammbaumentwicklung des Menschen legen nahe, dass bereits der Homo erectus vor 1,9 Millionen Jahren das Feuer gekannt, genutzt und vermutlich auch beherrscht hat [3].

Durch Garen wurde die Nahrung besser verfüg- und verdaubar gemacht. Eine bessere Nährstoffverfügbarkeit und Lebensmittelhygiene – Erhitzen tötet Keime und Parasiten ab – führten zu „gesünderen“ Menschen, höherem Körpergewicht, größeren Gehirnen und besseren Reproduktionsraten. Weniger kauintensive Nahrung veränderte das Gebiss, was die Entwicklung von Sprache mit ermöglichte. Und Kochen machte bisher „unnutzbare“ Lebensmittel verfügbar, der Speiseplan weitete sich aus, die Kalorienverfügbarkeit wurde größer und planbarer.

Verbrannte Essensreste geben Ausschluss über Getreidekonsum unserer Vorfahren

Mit der Technik des Kochens wurde laut dem Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder auch die Esskultur begründet. Man traf sich am Feuer zur Zubereitung und zum Verspeisen der Nahrungsmittel [4].

So wurden in  dem prähistorischen Fundort Göbekli Tepe (türkisch: bauchiger Hügel) im Süden der Türkei mehr als 10.000 steinerne Mahlwerkzeuge und fast 650 große Steingefäße ausgegraben, deren Alter auf ca. 12.000 Jahre geschätzt wird. An den Reibsteinen und Trögen entdeckten Forscher minimale Überreste von verbrannten Speisen und untersuchten diese mithilfe von Rasterelektronenmikroskopen und aufwendigen 3D-Modellierungen. Anhand der Untersuchungen des verkohlten Materials ließen sich Spuren von wildem Getreide, vor allem Einkorn und Gerste, nachweisen [5].

Ganz offensichtlich verwendeten die Menschen auf dem Hügel Göbekli die Reibsteine für das Schroten und Mahlen von Getreidekörnern und kochten daraus Brei und brauten gar Bier. Die Masse und hochwertige Verarbeitung der Mahlwerkzeuge und Gefäße zeigen, dass sich die Erbauer der Stätte mit der Beschaffenheit und Zubereitung von wildem Getreide gut auskannten.

Mit Hilfe der gefundenen Reibsteine lassen sich Rückschlüsse auf die Anzahl der zu versorgenden Menschen ziehen. In der Annahme, dass mit einem einzigen Mahlstein innerhalb von acht Arbeitsstunden durchschnittlich 4.800 Gramm Mehl produziert wurde und eine Person 500-1000 Gramm Getreide am Tag zu sich nahm, müssen es hunderte von Menschen gewesen sein [6].

Da auf dem Göbekli Tepe Getreide in seiner wilden Urform verarbeitet und verzehrt wurde, ist davon auszugehen, dass es dort noch keinen domestizierten Anbau gegeben hat. Sehr wahrscheinlich haben die Menschen nicht ganzjährig dort gelebt, sondern sind als Jäger und Sammler aus der Umgebung immer wieder dort zusammengekommen, um gemeinsam zu jagen, zu kochen und zu feiern.

Ganz anders als es heute moderne Paleojünger praktizieren, erfreuten sich unsere Vorfahren ganz undogmatisch an einer Mischkost, zu der neben Fleisch, Fisch, Eiern und Nüssen ganz sicher Getreide – als Brot, Bier oder Brei – gehörte.

Im Nächsten Beitrag erfahrt ihr mehr über die ersten kultivierten Getreide und ihre Anbaugebiete.

 

Links:

[1] https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/muesli-in-der-steinzeit/

[2] https://www.pnas.org/doi/abs/10.1073/pnas.1006993107

[3] https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1107806108

[4] https://www.welt.de/wissenschaft/article13558930/Kochen-als-entscheidender-Faktor-fuer-Evolutionsschub.html

[5] Spektrum Geschichte. Ausgabe 06.21

[6] https://www.dainst.blog/the-tepe-telegrams/

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