Was bedeutet Dinkelweizen? Neue Rezepturen? Vermischung von Getreiden? Oder gar eine neue Getreideart?

Vielen Dinkel-LiebhaberInnen, aber auch anderen aufmerksamen VerbraucherInnen dürfte es schon aufgefallen sein: Im Kleingedruckten auf manchen Verpackungen von Dinkelmehl, Dinkelnudeln oder Dinkelflocken finden sich seit kurzem Bezeichnungen wie „Dinkelweizen“ oder „Dinkel (Weizen)“. Was ist passiert? Haben die Hersteller etwa die Zutaten und Rezepturen verändert? Handelt sich beim Lieblings-Dinkelprodukt nun um eine Mischung aus Dinkel- und Weizen? Oder vielleicht sogar um eine neue Getreideart, eine Kreuzung aus Dinkel und Weizen? Nein! Welchen Hintergrund die neue Kennzeichnung hat, erfahrt Ihr in diesem Beitrag!

„Dinkelweizen“: Neue Kennzeichnungen sorgen für viel Verwirrung bei VerbraucherInnen

Über das Online-Portal Lebensmittelklarheit erreichen die Verbraucherzentrale viele Anfragen ratloser VerbraucherInnen, wie zum Beispiel folgende:

Aufgrund unserer Weizenunverträglichkeit sind wir darauf angewiesen, dass Produkte klar ausgezeichnet werden. Bisher waren Dinkel-Nudeln für uns eine gute Wahl. Eine Firma verwendet anscheinend neuerdings aber doch eine Dinkel-Weizen-Mischung, zeichnet es aber nur auf der Rückseite der Packung aus. Da steht: „Zutaten: Bio-Dinkelweizenmehl Type 630“. Auf der Vorderseite wird nach wie vor nur „Bio Dinkel“ deklariert.

Andere irritierte VerbraucherInnen berichten, dass ihnen auch das Verkaufspersonal im Supermarkt keine klare Auskunft darüber geben konnte, ob es sich nun um ein reines Dinkelprodukt oder um eine Mischung aus Weizen und Dinkel handelt. Insbesondere VerbraucherInnen, die eine Weizenunverträglichkeit haben oder die aus anderen Gründen auf Weizen verzichten möchten, berichten, dass die neue Kennzeichnung für mehr Verwirrung als Klarheit und Sicherheit sorgt.

Dinkel und Dinkelweizen: Beides ist purer Dinkel!

Auch wenn auf der Verpackungsrückseite Angaben wie „Dinkelweizen“ oder „Dinkel (Weizen)“ zu finden sind, handelt es sich bei Produkten, die als „Dinkelnudeln“ oder „Dinkelmehl“ ausgelobt sind, um reine Dinkelprodukte. Bei einer Mischung verschiedener Mehle, darf das Mehl nicht als „Dinkelmehl“ ausgelobt werden, sondern muss als Mischmehl, Mehlmischung oder Gemengemehl bezeichnet werden. In diesem Fall müssen alle Zutaten, also alle Mehle einzeln nach Getreideart, in einer Zutatenliste auf der Verpackung aufgeführt werden. Kurz: Wenn auf der Packung „Dinkelmehl“ steht, darf auch nur Dinkelmehl drin sein! Weshalb dann aber die neue Angabe „Dinkelweizen“ oder „Dinkel (Weizen)“ auf der Verpackungsrückseite?

Dinkel, Einkorn, Emmer, Weizen – Enge Verwandte!

Tatsächlich sagen wir gemeinhin „Weizen“, wenn wir eigentlich eine ganz bestimmte Weizenart meinen, nämlich den Weichweizen. Das ist auch nicht verwunderlich, denn Weichweizen ist die Weizenart, die am häufigsten angebaut und am meisten verzehrt wird. Tatsächlich gibt es aber viele verschiedene Weizenarten, ihre Verwandtschaft machen die botanischen Namen deutlich. Sie alle sind Süßgräser der Gattung Triticum:

  • Einkorn (Triticum monococcum), gilt als klassisches Urgetreide
  • Emmer (Triticum turgidum dicoccum), gilt als klassisches Urgetreide und Vorfahre des Hartweizens
  • Hartweizen (Triticum turgidum durum), auch Durum genannt, bildet als Grieß die Grundlage für Nudeln
  • Khorasan (Triticum turgidum turanicum), auch unter dem Markennamen Kamut® bekannt
  • Weichweizen (Triticum aestivum aestivum)
  • Dinkel (Triticum aestivum spelta)

Die einzelnen Arten wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten kultiviert. Als älteste gilt das Einkorn, dessen Anbau bereits für 8.000 vor Christus durch archäologische Funde belegt werden kann.

 

Hintergrund für die neue Kennzeichnung: eine EU-Bekanntmachung

In Europa leiden etwa 0,3 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren an einer Weizenallergie, bei den Erwachsenen etwa 0,1 Prozent aller Europäer (Nwaru et al., 2014).

2017 veröffentlichte die EU-Kommission eine Empfehlung, die Getreidearten Einkorn, Emmer, Dinkel Khorasan und Durum explizit als Weizen zu kennzeichnen, denn sie gehören botanisch in die Weizenfamilie. Damit soll die Lebensmittelauswahl für Menschen mit einer Weizenallergie  einfacher werden.

Dabei ist die neue EU Bekanntmachung zur Kennzeichnung von Dinkelprodukten eine Auslegungshilfe und hat lediglich empfehlenden Charakter, ist also nicht rechtsverbindlich.

Quo vadis Lebensmittelklarheit?

Der Verband Deutscher Mühlen und seine Mitglieder sowie einschlägige Lebensmittelrechtsexperten halten die von der EU-Kommission vorgeschlagene Kennzeichnungspraxis für wenig hilfreich und empfehlen weiter die eindeutige Kennzeichnung als Dinkel. Dinkel ist in der Bevölkerung bekannt und geschätzt. Menschen mit einer Allergie auf Weizen oder einer Glutenintoleranz ist sehr wohl bewusst, dass Dinkel für sie nicht in Frage kommt. Mit der Hervorhebung als Allergen im Zutatenverzeichnis wird dies ja auch deutlich gemacht.

Während es also für 0,1 Prozent der EU-Bevölkerung keine neue Inforamtion ist, macht es im deutschsprachigen Raum 99,9 Prozent der Bevölkerung schwerer: Es verwirrt komplett.

Trotzdem beanstanden einige Überwachungsbehörden mit Blick auf die EU-Bekanntmachung aus dem Jahr 2017 die bisherige Kennzeichnung und fordern von Herstellern die Erweiterung der Kennzeichnung von Dinkelprodukten als Weizen.

Das hat dazu geführt, dass es in Deutschland mittlerweile zwei Kennzeichnungsarten gibt: Die als „Dinkel“ – wie gehabt und sinnvoll – und die als „Dinkelweizen“ – neu, für viele VerbraucherInnen verwirrend und nicht notwendig.

Dass die neue Kennzeichnungspraxis wie vermutet für mehr Verwirrung als Klarheit bei den Verbrauchern sorgt, zeigen die Anfragen bei einschlägigen Portalen der Verbraucherzentralen, aber auch bei Dinkel produzierenden Unternehmen. Einige Verbraucher sind dabei sogar sehr erbost, denn sie interpretieren die Dinkelweizenkennzeichnung als „Lebensmittelbetrug“ der Hersteller, die ihnen nun Weizen als Dinkel verkaufen wollen.

Noch ist das letzte Wort im „Kennzeichnungsstreit“ nicht gefallen. Die Unternehmen der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft setzten sich weiter für die eindeutige Kennzeichnung als Dinkel ein. Die Regierung in Wien hat bereits entschieden: In Österreich bleibt es bei der verständlichen Dinkel Kennzeichnung. In Deutschland steht eine finale Entscheidung noch aus.

Anne & Henriette von Mein Mehl

 

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